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Streit als Chance
Konflikte gehören zum alltäglichen Leben. Sie entstehen überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen. Doch der konstruktive Umgang mit Konflikten ist nicht einfach, denn oft wird Streit als etwas Negatives mißverstanden. Ganz anderer Meinung ist die zunehmende Zahl der Mediatoren. Sie schlüpfen in die Rolle von unparteiischen Vermittlern, wenn es in der Ehe oder in der Firma knallt. "Konflikt ist Leben und etwas ganz normales", erklären Marianne und Markus Sikor (siehe Kasten). Im Streit sehen sie eine Chance, denn er offenbare Potential für neue Entwicklungen. Ein Grundprinzipien sei jedoch Freiwilligkeit, sonst funktioniere die Mediation nicht.
Beide Vermittler sind in der Familien- und Unternehmensmediation tätig. Denn auch am Arbeitsplatz sind Meinungsverschiedenheiten oder Mobbing ein Problem. Den Ausspruch "In unserem Unternehmen gibt es keine Konflikte" läßt Markus Sikor nicht gelten. "Eine Organisation, in der es keine offen ausgetragenen Konflikte mehr gibt, ist schon fast tot", urteilt er. Streitigkeiten zwischen Mitarbeitern sind nicht nur nerv- und zeitraubend, sie kosten ein Unternehmen bares Geld..
Nicht selten steht ein Konflikt kurz vor der Eskalation, wenn Firmen einen Mediator rufen. Nach einem Vorgespräch versuchtder dieser, in gemeinsamen Sitzungen die Sachverhalte klarzustellen. Dabei kann er aufdecken, welche Gefühle hinter den Streitigkeiten verborgen sind. "Es gibt keine Konflikte ohne Emotionen" erklärt Markus Sikor. Viele hätten jedoch Angst, Emotionalität zu zeigen. Der Vermittler versucht daher, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. "Sind Gefühle und Sachverhalte erst einmal geklärt, herrscht meist eine euphorische Stimmung unter den Mitarbeitern." Ein anderes Denken über Konflikte setzte ein.
Was in den USA seit den 60er Jahren funktioniert, wird auch in Deutschland immer populärer. Hier begann man in den 80er Jahren mit der Trennungs- und Scheidungsmediation. "Dabei ist es nicht das Ziel, das trennungswillige Paar wieder zusammen zu bringen", erklärt Johannes Hentschel, der seit Februar als Rechtsanwalt und Mediator in Göttingen tätig ist. Vielmehr versuche der Vermittler, von verhärteten Positionen abzurücken und Verständnis für die gegenseitigen Anliegen aufzubringen. Hentschel ist auch für Mediation in der Arbeitswelt zuständig, ein Betätigungsfeld mit Zukunft. "Durch Konflikte in Betrieben entstehen hohe Reibungsverluste" informiert er. Häufigstes emotionales Problem bei betrieblichen Konflikten sei das Gefühl mangelnder Anerkennung. Abhilfe können regelmäßige Arbeitstreffen schaffen. Doch nicht immer gehen Streitereien glimpflich aus.
Unterstützung auf psychosozialer Ebene erhält Hentschel daher von seiner Kollegin Ulla Heilmeier. Die studierte Ethnologin hat mehrere Ausbildungen im Bereich Mediation absolviert und ihren Schwerpunkt auf die Familienmediation gelegt. "In Familien ist die emotionale Verwobenheit komplexer als zwischen Mitarbeitern. Daher muss ich größere Rücksicht auf den psychologischen Hintergrund der Familienstruktur nehmen und vorsichtig mit den Gefühlen der Beteiligten umgehen", erklärt Ulla Heilmeier, die seit 1997 als Mediatorin tätig ist.
Mediatoren, sind weder Therapeuten noch Schlichter, ihre Rolle ist vielmehr neutral. Sie versuchen, die Zerstritten bei der Suche nach einer selbstverantwortlichen Lösung zu unterstützen. Denn nur die Streitenden können herausfinden, was das Richtige für sie ist. (Marie Louise-Jantos für Regjo, Das Regional-Journal für Südniedersachsen)
Interview mit Frau Maisch von Uni.de
uni.de: Herr Sikor, Sie bilden Menschen zu Mediatoren aus. Kann man Streit schlichten wirklich lernen?
Markus Sikor: Ja, natürlich, sonst würden wir ja nicht ausbilden. Die Techniken der Mediation sind sogar recht einfach und schnell zu erlernen. Schwieriger ist es hingegen, die nötige innere Haltung zu entwickeln. Diese lautet: Ich bin nicht für die Lösung des Problems verantwortlich.
uni.de: Und wofür ist der Mediator verantwortlich?
Sikor: In erster Linie für den Prozess der Mediation. Ich muss erst einmal Vertraulichkeit sichern und klar stellen, dass hier alles gesagt werden darf. Zudem ist es meine Aufgabe, auf die Art der Kommunikation zu achten, eine Sprache für die Probleme zu finden, die nicht kränkt. Wir übersetzen sehr viel von dem, was unsere Klienten zu sagen haben. Aber die inhaltliche Lösung müssen sie selbst finden.
uni.de: Gibt es auch Menschen, die sich nicht zum Mediator eignen?
Sikor: Ja, es gibt Menschen, die nicht bereit sind, mit Gefühlen umzugehen. Aber jeder, der Mediator werden will, muss sich zunächst mit seinem eigenen Konfliktverhalten auseinandersetzen. Wer das nicht tun will, ist als Mediator ungeeignet.
uni.de: Ein Konflikt verläuft in Phasen und entsprechend auch seine Lösung. Können Sie die einzelnen Schritte der Mediation erläutern?
Sikor: Die Voraussetzung ist zunächst, dass alle Beteiligten freiwillig kommen. Es ist sinnlos, jemanden zur Mediation zu zwingen. Dann folgt Organisatorisches wie die Zeiteinteilung. Die eigentliche Mediation beginnt, indem jeder seine Sichtweise schildert und sagt, wo genau für ihn das Problem liegt. In dieser Phase müssen wir vor allem sehr gut zuhören. Dann stellen sich bald ein, zwei oder drei Konfliktthemen heraus. Wenn diese konstruktiv bearbeitet und gelöst sind, finden sich viele Lösungen von alleine. Meist haben die Konfliktparteien schon lange zusammen gearbeitet oder gelebt. Sie haben dabei schon viele Konflikte gelöst. Nun gelingt ihnen das nicht mehr. Es ist wichtig Wert zu schätzen, was an der Beziehung dennoch gut war und ist. Meine Erfahrung ist, dass Lösungsvorschläge kommen, sobald die Beziehung emotional wieder positiver ist.
uni.de: Was kann ein Mediator tun, wenn er eine Konfliktpartei wesentlich besser versteht als die andere?
Sikor: Zunächst muss ich merken, dass ich parteiisch werde. Dann sollte ich mich fragen, warum sich jemand so "merkwürdig" verhält. Um die Interessen und Bedürfnisse dieses Menschen besser zu verstehen, hilft nur nochmaliges genaues Zuhören.
uni.de: Es gibt ja auch die wissenschaftliche Konfliktforschung. Nutzen Sie deren Erkenntnisse oder sieht in der Praxis alles anders aus?
Sikor: Tatsächlich hilft die reine Theorie oft nicht viel. Ich nutze aber zum Beispiel Übungen, die PD Dr. Friedrich Glasl (Autor von "Konfliktmanagement") entwickelt hat.
uni.de: Wodurch zeichnen sich Konfliktsituationen aus, in denen eine Mediation nicht möglich ist?
Sikor: Wenn zu wenig Zeit für ein Gespräch ist oder zwischen den Konfliktparteien ein gravierender Machtunterschied besteht, ist eine Mediation schwierig. Eine weitere Voraussetzung ist, dass die Konfliktparteien psychisch in der Lage sind, ihre eigenen Interessen zu vertreten. Sonst gibt es eigentlich nur wenige Einschränkungen für eine Mediation.
uni.de: Herr Sikor, vielen Dank für das Gespräch.
© 2003 Institut Sikor
Letztes Update:
12.06.07
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